Des Kaisers Neue Kleider

 

Music and Texts of  GARY BACHLUND

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Des Kaisers neue Kleider - (1994/rev. 2012)  

German translation by Annette Zühlke

Original libretto by Gary Bachlund

After a story by Hans Christian Andersen

 

 

For bass (Staatsrat), baritone (Minister), high baritone (Herzog), soprano (Herzogin), mezzo soprano (Lady Dickarsch),

character tenor (Kaiser), lyric tenor (1. Schneider:) and lyric soprano (2. Schneider:) and chamber ensemble.  [ circa 50 minutes ]



i.  Rondeau royale und Fuge  [Instrumental only]

 

ii. Das Duett der Verschwörer

Staatsrat:

Herr Minister?


Minister:

Herr Staatsrat?


Staatsrat:

Das ist vertraulich jetzt!


Minister:

Der Kaiser?


Staatsrat:  

Ganz genau!

Mit aller Offenheit, wir müssen reden.
Als Herrscher ist er schwach.


Minister:

Der Kaiser?


Staatsrat:

Ganz genau!
Sollten wir nicht beschließen,

daß etwas geschehen muß?


Minister:

Der Kaiser!


Staatsrat:  

Ganz genau. Was also muß geschehen?


Minister:

Ja, was und wann soll's sein?


Staatsrat:  

Aufschub darf nicht mehr sein!


Minister:

Der Kaiser...


Staatsrat:  

Ganz genau!

Er hat kein Interesse an Aufrüstung und an Kriegen.


Minister:

Noch an gesunden Streiten in athletischen Wettkämpfen.


Staatsrat:  

Er kümmert sich fast nur um Kleidung.


Minister:

Um Kleidung und die Mode!


Staatsrat:  

Er kümmert sich nicht um den Staat.


Minister:

Er ist nicht seine Passion.


Staatsrat:  

sstt! Was, wenn hier jemand lauscht?


Minister:

Er ist nicht für die Kultur, nicht für Theater, Oper, Kunst!


Staatsrat:  

Als Herrscher ist er Amateur, denn Mode hat die Gunst.
Was können wir da tun?


Minister:

Ja, was und wann soll's sein?


Staatsrat:  

Die Nation liegt in Pein!


Minister:

Der Kaiser!


Staatsrat:  

Ganz genau!


Minister:

Ganz genau!


Staatsrat:  

Er ist'n Kasper, 'ne Parodie, 'ne Clownerie.


Minister:

'ne Farce!


Staatsrat:  

Er ist'n Dandy, ein Hampelmann! 'ne Tragödie!


Minister:

Ein Arsch!


Staatsrat:

Er ist'n Hindernis, ein Krebs-geschwür in einem Schiff: dem Staat.


Minister:

Er ist'n Kleidernarr! 'ne Modepuppe!
Er muß abdanken, sofort!


Staatsrat:  

'ne elegante Lösung!


Minister:

Ginge er fort, nicht 'ne Träne weint' ich!


Staatsrat:  

Wäre er tot, kein Verlust wär's für mich.
Er ist neurotisch. Kein Souverän. Kein Potentat.


Minister:

Kein Zar.


Staatsrat:

Er ist'n Dummkopf! Er spielt den Narr! Ist eitel...


Minister:

und bizarr!


Staatsrat:

Ist kapriziös! Ein Hindernis!


Minister:

Ein Kaiser nur bis zum Nachweis der Untauglichkeit!


Staatsrat:  

Doch tauglich gar... zu töten?


Minister:

Also vielleicht ein Mord?
Ach, ich liebe Politik!
Ginge er fort, nicht 'ne Träne weint' ich!


Staatsrat:  

Wäre er tot, kein Verlust wär's für mich.


Minister:

Man denke nur an die Gefahren in 'nem Kleiderschrank!


Staatsrat:

Man findet ihn...


Minister:

Stranguliert von der Federboa.


Staatsrat:  

Bei 'nem Cyanidduftspender.


Minister:

Aufgehängt an einem Seidenschlips.


Staatsrat:  

Leblos zwischen all dem Putz.


Minister:

Traurig baumelnd, apropos, wie eine ausgestopfte Puppe.


Staatsrat:  

Er würgt von 'ner Stoffgarotte.
Eingehüllt zum hängen, schwingen!


Minister:

Ein Selbstmord durch Bekleidung!


Staatsrat:

Ginge er fort, nicht 'ne Träne weint' ich!


Minister:

Wäre er tot, kein Verlust wär's für mich.


Beide:

Oh! Welch' herrlicher Vorsatz, welch' ein Plan!


Minister:

Bekleidet zu töten...


Staatsrat:  

Ermordet den Mann!


Minister:

Vaya con dios!


Staatsrat:  

Adieu diesem Geck.


Minister:

Leb' wohl!


Staatsrat:

Addio.


Beide:

Good bye und farewell.


Minister:

Das Schicksal ruft!


Beide:

Good bye und farewell.


Staatsrat:

Asche zu Asche!


Beide:

Good bye und farewell.


ii.   Lachquintett

Herzog [ trällernd ]:

Was gibt's? Ihr, Herrn!


Staatsrat:

Der Herzog!


Minister:

Herzogin!


Herzog:

Minister! Staatsrat! Ein heißer Tag!


Staatsrat:

Ist es nicht...


Minister:

Ist es nicht...


Herzogin/Lady Dickarsch:

Ist es nicht heiß?


Staatsrat:

Ein Glück!


Herzog:

So sehr wollt' ich, es wäre noch einmal Mai!


Minister:

So, nicht wahr!


Staatsrat:

So, nicht wahr!


Herzogin/Lady Dickarsch:

So, nicht wahr, nicht wahr!


Alle:

Wir schwitzen im Mai und allein die Stärksten sind tagsüber draußen.


Herzog:

Warum ist's?


Herzogin/ Lady Dickarsch:

Warum ist's?


Herzogin/Lady Dickarsch/Herzog:
Warum ist's heiß?


Alle:

Die Temperatur steigt und wer verströmt da transpirierend den Duft?


Herzog:

Wäre ich...


Herzogin/Lady Dickarsch:

Wären wir...


Herzogin/Lady Dickarsch/Herzog:
auf uns'rer Jacht! Lachend und zechend den ganzen Tag lang!

Lachend ganz laut über Kaisers Belang!

In wildem Tratsch über seinen Umgang!
Ha! Ha! Hee! Hee! Ho! Ho!
Skandale, Neuheiten von seinem Gang!
Ah-ha-ha! Hee-hee-heehee! Ah-ha-ha! Heh!
Mit jedem Wort, ein Mord!
Hip! Hip! Hurra!


Staatsrat:

Ein Tadel gebührt uns allen!
Boshafte Witze sind wahr, aber sie bergen für uns auch Gefahr!


Minister:

Mein Herzog! Herzogin!

Ja, auch wir erzählen Witze uns gern, doch Achtung,

die Lauscher sind niemals sehr fern.
 

Minister/Staatsrat:
Witz ist nicht klug in der Nähe des Kaisers! Sich-lustig-machen ist falsch...
 

Minister:

in des Kaisers point-of view.
höchst problematischen point-of-view.


Staatsrat:

in des Kaisers statisch, fanatischen point-of-view!
Antik und irre, doch allzu wahr!


Minister:

Wahr! Und doch habe ich bemerkt, daß er sich...
 

Staatsrat:

Bitte seid still.


[ Der Minister flüstert den anderen Gerüchte zu. ]


Alle:

Ho-ho! Ha! Ho-ho! Ha!
Ho-ho! Ha-ha! Hee! etc.


Herzog:

Und Sie haben sicher gehört,
was er auf Reisen tut? Also...


[ Der Herzog flüstert den anderen Gerüchte zu. ]
 

Alle:

Ho-ho! Ha! Ho-ho! Ha!
Ho-ho! Ha-ha! Hee! etc.

 

Staatsrat:

Es gibt Neues über Geschlechtskrankheiten in seinem Kreis! Ein Witz:...


[ Der geheime Staatsrat flüstert die neusten Gerüchte. ]


Alle:
Hm-hm! Hm! etc.
Ha! Ha-ha-ha! Ha-ha-ha-ha-ha..... etc.
Ho-ho-ho-ho! Ha!
Ho-ho-ho-ho! Ha!
Ho-ho-ho! Ha-ha-ha! etc.

iv.   Fanfare

Staatsrat:

Der Kaiser!


Minister:

Der Kaiser!


Herzog:

Mein Kaiser!


Herzogin/Lady Dickarsch:

Gnädigster Kaiser!

v.   Das Gesetz des Kaisers

Kaiser:

Als Kaiser Regeln zu erlassen,
ist die Pflicht! Enthüllungen aus meinem Leben will ich nicht!

Ich dulde keine Kritik! Ich nenn' sie parasitisch!

Dies ist Gesetz! Man fürchte es und gehorche:
Übe niemals Kritik an mir!
Mir! Mir!
Kritik an ihm! Kritik an ihr! Ja!
Aber niemals Kritik an mir!
Mir! Mir!
Kritik an ihm! Kritik an ihr!
Kritik an jedem und jeden Tag auch!
Kritik an wem? Kritik an dem?
Kritik an anderen!
Merci beaucoup!
Greift die Städte nicht an!
Nicht die Bürokraten!
Nicht die Steuerraten!
Ich will es Euch raten!
Kritisiert die Politik?
So ist's aus mit Eu'rem Glück!
Witzelt nicht erbarmungslos!
Niemals kichert, fatal und illegal, einfach los!
Als euer Souverän verdiene ich den Prunk!
Und Ehrerbietung frei von Rufmord und auch Stunk!
Mein erstes Gebot:
Sei nie ein Idiot!
So, übe niemals Kritik an mir!
Mir! Mir!
Kritik am Geist!
Das geht wohl meist! Ja!
Aber niemals Kritik an mir!
Mir! Mir!
Nie und nimmer, nie und nimmer... Nie und nimmer Kritik an mir!

vi.   Auftrittt der Schneider

Kaiser:

Ihr, Untertanen!
Ihr, meine Kinderchen!
Ihr, Landsleut'!
Gefällt Euch dieses Cape?
Gefällt Euch dieses Hemd?
Die Schuh'? Sind sie nicht fein?

Exquisit, herrlich, himmlisch, außergewöhnlich,
besonders, besonders!
Das haut Euch aus den Socken?
Hm?


Herzog:

Oh ja!


Herzogin:

Herrlich! Unglaublich!


Lady:

Unglaublich!


Kaiser:

Ihr wißt doch wirklich nichts!
Sie sind gar nichts!
Es sind nur Treter!
Einfach Treter!
Doch ich hab' ein Wunder für Euch! Mein ungetreues Volk!
Ihr müßt nicht, nein, nicht beschämt sein!
Müßt nicht verletzt sein durch Euren Kaiser für lang!
Also, ich hörte von zwei der besten und feinsten Schneider
in der Bekleidungsindustrie.
Und sie kreieren für mich Kleider, exklusiv wie noch nie.
Nichts mehr von der Stange für'n Kaiser.
Ladies und Gentlemen!
Ich präsentiere nun die Schneider.


vii.   Das Komplott

1. Schneider:

Eu'r Majestät, meine Herrn und Damen! Wir sind Meister der
Schneiderkunst und nähen herrlichstes Gewand.
Garderobe nicht nur aufregend anzuseh'n, ganz himmlisch
anzufühl'n, sondern auch wundervoll, bezaubernd,
mit der guten Eigenschaft unsichtbar zu sein für den,

der sie nicht verdient, ungelehrt, blöde oder doof,

und gebildet, geistlos, gewöhnlich, unqualifiziert, v

ulgär und derb, Analphabet, unhöflich und...


Kaiser:

In and'ren Worten, wenn ich verstehe, was Ihr meint: Blöde?


1. Schneider:

Genau!


2.Schneider:

Wir lassen uns im voraus bezahlen!

viii.  Wunder werden geschneidert

1. Schneider:

Mancher webt Geschwätz, doch and're weben Kunst.
Wir kreieren Stoff, in den Wunder gewebt ist.
 

1. + 2. Schneider:

Wir Schneider nähen Wunder!
Wunder! Schneider nähen, weben, entwerfen, sticken, stricken,
wir dagegen, wir nähen, weben Wunder! Wunder!
Schneidern, weben Wunder! Wunder!
 

2. Schneider:

Zauberer sind wir und Schwätzer all die an'dern.
Nur wir weben Zauber aus Jasons gold'nem Flies.
 

1.+2. Schneider:

Wir Schneider weben Wunder!
Wunder! Nähen, schneidern, knüpfen, entwerfen
Stickerei mit Zauberkraft!
So schneidern wir die Wunder! Wunder!
Schneidern, weben Wunder!
Wir spinnen den feinsten Faden, nur sichtbar für ein paar!
Unsichtbar für die Tölpel, sicher sichtbar für Sie!


Kaiser:

Ich sehe sie!


Herzog:

Ich auch!


Herzogin:

Und ich!
 

1.+2. Schneider:

Ach, seht das herrliche Kleid aus Gold, in rot und blau.
Unsichtbar für die Häßlichen, die leuchtenden Farben!
 

Kaiser:

Verblüffend! Atemberaubend!
 

Minister:

Wirklich verblüffend!
 

Staatsrat:

Wirklich atemberaubend...
 

1. Schneider:

Des weisen Manns Stil, den Dummköpfe nicht sehen.
Wir entwerfen einen Stil, der nur erstrahlt für Sie.
 

1.+2. Schneider:

Wir Schneider weben Wunder!
Wunder! Schneidern, nähen, knüpfen und glauben,
Größe zeigt sich nur in Kleidern geschneidert durch das Wunder! Wunder!
Schneidern, weben, nähen, erzielen Wunder! Wunder!
Schneidern, weben Wunder! Wunder! Schneider erzielen
Wunder! Wunder! Wunder!
 

Kaiser:

Himmlisch! Beschwörend!


1. Schneider:

Wahrlich!


ix.  Die Anprobe

Kaiser:

Diese Kleidung! Toll!
Mit Stil! Qualität und Trennung zwischen weise und dumm.
Zur Anprobe!


1. Schneider:

Anprobe!


Kaiser:

Anprobe!


1.+2. Schneider:

zur Anprobe!


Herzog/Herzogin:

Am seidenen Faden des Lebens
zu hängen birgt täglich neue Gefahr.
Und deshalb treibt uns die verhaßte Staatsführung in bösen Konkurrenzkampf.
Gott, hilf uns doch, Stellung und Rang zu bewahr'n.
Der Status, die Würde und Ehr', die Privilegien dienen dazu, den Tadel und die
Mißgunst abzuwehr'n.
Oh. Scham, welche Schmach, am seidenen Faden des Lebens zu hängen!
 

Minister:

Lady Dickarsch!


[ Lady Dickarsch kehrt von der Anprobe zurück und gibt vor, geblendet zu sein. ]


Lady Dickarsch:

Wie in einem Traum, vor Augen habe ich die Vision,

ach so klar, einer idealen Wirklich ungewöhnlichster Art.
Ich spür' die Euphorie einer Offenbarung!


1.+2. Schneider:

Vielen Dank, das ist sehr nett!


Kaiser:

Der Spaß! Ihr alle, kommt und seht, was zu seh'n ist!


Lady/Minister:

Im Glashaus zu sitzen mit prüfendem Blick, ist hier leider unvermeidlich.
Und mit Steinen zu werfen, bräch' das Genick wie Glas so unwiederbringlich.
Gott, hilf uns doch Stellung und Rang zu bewahr'n.
Der Status, die Würde und Ehr', die Privilegien dienen dazu, den Tadel und die Mißgunst abzuwehr'n.
Oh! Scham, welche Schmach, am seidenen Faden des Lebens zu hängen!
 

[ Herzog und Herzogin verlassen die Anprobe, Begeisterung heuchelnd! ]


Herzog/Herzogin:

Wir sah'n es! Wir sah'n es!
Wie nichts je zuvor!
Wie nichts je zuvor!
Kein Vergleich steht dafür!
Der Scharfsinn ist schlagkräftig „par excellence!"
Einmaliger Ruhm die rechte Antwort!
Denn nichts ist so wie dies!
Nein, nichts ist so wie dies!
Nein, nichts ist so wie dies!
Oh, nein!
Wir sah'n es! So glaubt mir, wir sah'n es, oh! ja!


1.+2. Schneider:

Wirklich nett von Ihnen! Ja!


Kaiser:

Nun, Minister, kommt!
Der Staat wartet schon!


Herzogin/Lady/Herzog:
Unklar ist das Garn für uns an diesem Plan,

das wir schlau verspinnen zu Thesen unstetiger Politik,

im Gebrauch bester machiavellischer Thesen.
Gott hilf uns...


Staatsrat:

Gott, hilf uns!


[ Der Minister erscheint wirklich erschrocken. ]


Minister:

Gott, hilf mir!
Ich sah nichts! Rein gar nichts!
Nichts als unser'n Kaiser, nur ihn selbst!
Kein Kleid verbarg die königliche Scham!
Unbedeckt, unbekleidet, nackt!
Oh, Vertrauenswürdigkeit?
Wert eines Nichts?
Ich kann nicht sehen, was ich sehen muß!
Bin ich dumm?
Nicht auserwählt, oder was?
Stillos? Schwerfällig oder gänzlich konfus? Ah...


Staatsrat:

Schweigt! Mann! Schweigt!
Sagt nichts, wenn Ihr nicht wißt, was man von Euch zu sagen verlangt!
Folgt meinem Beispiel und lächelt!

x.  Der Rat des Staatsrats

Staatsrat:

Nehmt keine Notiz...
Macht keine Notiz...
Was hier auch geschah.
Leben ist unklar!
Was kann man folgern, wenn der Sinn nicht klar?
Was ist schon ein Wort?
So, zum Beispiel...
Wer versteht „Liebe"?
Wer versteht sie schon?
Was ist die Existenz in Abstraktion?
So, ist sie real?
Bedenkt die Beispiele:
„Vertrauen" ist nicht aus Stein gehauen.
„Wahrheit", auf die wir bau'n, verfliegt im All.
Verwirrung überall!
Wo liegt der Sinn in einem Ideal?
Was ist schon real?
Wessen Realität ist reinste Wahrheit?
Wenn zwei sich uneinig sind, wer hat Recht?
Was verbirgt „Wahrheit" uns?
Und sollten wir denn fragen?
Fragen warum?
Philosophen träumen Theorie.
Was birgt denn der Himmel?
Es gibt bess're Antwort...
Die Politik macht sich die Hände sowieso schmutzig,
und Politik schreckt nicht zurück, auf Treibsand zu bauen.
Politik tut, was Schicksal fordert.
Die Politik kennt viele Seiten, wechselt wie der Wind.
Die Rhetorik ist wie Gezeiten,
unstet, doch diszipliniert.
Sie ist nicht leicht zu verärgern.
Und welcher Schade liegt darin, uns glauben zu machen,
daß falsche Wahrheit ehrenhafte Lügen wahr macht!
Wirklich, ehrlich wahr!
In Politik, wie wir sie seh'n, ist man nie eins...
Wessen Realität ist real?
Und zu Eurem eig'nen Schutz...
Nehmt keine Notiz...
Bitte!

xi.   Eine Königliche Zustimmung

Kaiser:

Wunderbar! Staatsrat!
Ich bin sogleich fertig!
Der verdienstvollen Schneiderkunst verleih' ich 'nen Orden und ernenn' sie
zu... Rittern der Kaisertracht!
Rittern der Kaisertracht!


1.+2. Schneider:

Wirklich nett von Ihnen, ja!
Wirklich nett, ja!


[ Die Schneider werden von Minister und Staatsrat bezahlt und dekoriert. Sie gehen schnell ab. ]


Kaiser:

Seid Ihr bereit?


[ Der Kaiser präsentiert sich, ohne Kleider, und schreitet stolz vor allen auf und ab. ]


Kaiser:

Bevor ich spreche zur Nation in allerneuster Kreation
Sagt, was seht Ihr?


Lady Dickarsch:

Sir... Sir... Ihr seid... enthüllt!
Ihr enthüllt Eure individuelle Art!


Kaiser:

Enthüllt? Enthüllt?


Herzogin:

Sir, Sir, Eu'r Stil stellt sich unverhüllt uns zur Schau!


Kaiser:

Stellt unverhüllt sich zur Schau?


Herzog:

Sir! Wie offen exponiert Ihr Eure Kleidung!


Kaiser:

Ich exponier' mich?


Minister:

Sir, Ihr gebt eine deutliche...


Kaiser:

Deutliche?


Minister:

intime...


Kaiser:

Intime?


Minister:

offene, kühne Darstellung von... von... von überhaupt nichts!


Kaiser:

Überhaupt nichts?
Ihr wißt nichts, rein gar nichts!
Dies ist etwas! Wirklich etwas!
So, nun!
Staatsrat, helfen Sie mir!
Bin ich gut gekleidet, Sir?


Staatsrat:

Als politischer Rat antworte ich: Was meint Ihr?
Sagt's mir, Sir.
Was meint Ihr?


Kaiser:

Steh ich unbekleidet vor meinem Volk?


Staatsrat:

Ich sag es Euch!
Welch ein Anblick..


Alle:

Ganz nackt, unbedeckt,
unbekleidet.


Kaiser:

Ich bin betrübt.


Herzog/Minister/Staatsrat:
'ne Farce!


Herzogin/Lady:

Welch' ein Spaß!


Alle:

Ho! Ho! Ho! Ha! Ha! Ha! etc.


xii.  Eine Samtene Revolution

Kaiser:

Ha! Was tat ich nur?
Ich selbst bin der Dumme!
Gedemütigt über alle Maß!
Ha! Gedemütigt über alle Maß?
Die Untertanen sah'n mich ganz nackt!
Mir bleibt nur die Demission!
Wer sollt' mir trau'n,
bin ein Clown...


Staatsrat:

Sir, darf ich den Mantel liefern?


[ Reicht ihm eine Robe. ]


Kaiser:

Kein Ausweg!
Ich trete zurück!


Staatsrat:

Nicht so schnell!
Laßt uns abwägen!
Zum einen:

Was heißt das für uns?

Wo bleibt dann die Aristokratie?


Herzogin:

Schützt uns're Privilegien bevor dies Reich zerfällt!


Herzog:

Wir sollten nicht an ihm rütteln, noch unser'n Staat riskier'n.


Lady Dickarsch:

Die Nation stand stets zu unser'n Wünschen, zu unser'm Palast.


Minister:

Das darf nicht gefährdet werden durch Revolutionsgeschrei.


Staatsrat:

Die Lösung ist sonnenklar!
Wartet nur und seht!
Wartet nur und seht!


Herzogin/Lady/Herzog/Minister:
Was soll'n wir tun?


Staatsrat:

Bilden wir ein Parlament!
Ein Haus, in dem wir führ'n, ein weit'res Haus für's Normalvolk!
Laßt sie den Spott ernten!
Laßt die Presse sie verhöhnen!
Sir, Sie sind Repräsentant.
Repräsentant des Staates!
Machtlos, natürlich!
Sie eröffnen stilvoll das Parlament!
Danken Sie nur nicht ab!
Demokratie wird uns allen dienen als Werkzeug!
Dies Konzept ist ein Meisterzug, eine Jurisdiktion,
die uns allen Position und Rang bewahrt.
Den Status, die Stellung, den Rang!


Herzogin/Lady/Herzog/Minister/Staatsrat:
Und so möge Gott uns eine Nation bewahren, die frei bestätigt, was wir ihr anbieten.


Herzogin/Lady/Herzog/Minister:
Bewahre sie uns're Position und Rang. Das Ansehen, Status und Glanz.
 

Kaiser:

Ich will das Amt bekleiden.


Staatsrat:

Ja, mein Herr!
Kleider machen und zu dem, was wir sind.


Kaiser:

Oh, gut... Bin ich froh!
Ich besitze Stil!
Welch' ein Stil!


Staatsrat:

Geduld, Herr!
Schauspiel braucht viel
Selbstkontrolle.


Kaiser:

Selbstkontrolle?


Herzogin/Lady/Herzog/Minister:
Demokratie wird uns ernähren uns Vorteile vor den andern sichern.
Die menschliche Rasse wird...


Kaiser:

Ich werde...


Staatsrat:

Sie werden...


Alle:

uns uns're Position und Stellung bewahren.


Staatsrat:

Lord's und Ladies, bewilligen wir durch Wahl des Kaisers neue Kleider?


Annette Zühlke, September 1997

 

Copyright © 1997 by Annette Zühlke and Gary Bachlund